Armin Malojer

 

Wander- und Schneeschuhführer

Natur- und Landschaftsführer

Hochseilgarten-Instruktor

Journalist und Texter

 

Im Freien

Wandern ist viel mehr als das Bezwingen von Gipfeln, das Sammeln von Kilo- und Höhenmetern, Eintragungen ins Gipfelbuch und feuchtfröhliche Einkehrschwünge auf diversen Hütten – wobei all diese Aspekte durchaus ihre Berechtigung haben und jeder sein „Ding“ finden muss. Das Bewegen in der Natur, in den Bergen, unter freiem Himmel ist auch eine Reduktion auf die einfachen, die elementaren Dinge im Leben. Wandern ist eine Philosophie, eine Weltanschauung, eine Lebensart – die viel mehr mit Geist und Seele zu tun hat, als manche glauben. Es geht auch darum, Raum und Zeit zu haben, sich frei zu fühlen, die vielen Zwänge, die uns täglich umgeben, ein wenig außer Kraft zu setzen. Dafür ist die Natur ein probates Mittel, allerdings gibt sie keine Antworten. Sie ist einfach nur da. Den Raum und uns selbst müssen wir eigenhändig erforschen – vielleicht ist das ein Grund, warum sich viele lieber an Kilometern und Stundenmitteln orientieren.

Einfach „im Freien“ zu sein – ohne Hetze
„Wir müssen möglichst viel Zeit einsparen, um sie für wichtigeres frei zu haben. Aber die Frage ist: Was ist dann für uns wichtiger? Mit dem, was uns dann übrig bleibt, können wir oft genug nichts anfangen. Meist hetzen wir – aber wohin?“ Diese Frage stellt der Benediktinermönch Anselm Grün. Sein Rat lautet, sich einfach der Bewegung zu überlassen: „Wenn wir zu aufgewühlt sind, dann ist es besser, erst einmal die Unruhe durch einen längeren Spaziergang oder Waldlauf zu vertreiben. Im Gehen kann ich mich freigehen von der inneren Unruhe, von Problemen, die mich umtreiben. Allerdings wird das nicht gelingen, wenn das von einem inneren Leistungsdruck geprägt ist, wenn ich immer nur die Kilometer zähle, die ich mir als Pensum vorgenommen habe. Ich muss mich ganz der Bewegung überlassen.“
 
Was für mich neben der Bewegung, die ich ja auch beim Training am Laufband im Fitness-Center haben kann, wichtig ist, zeigt der Titel meiner Homepage: Das Freie! In Industrieländern halten sich Menschen 90 Prozent ihres Lebens in Innenräumen auf. Auch wenn man laut Churchill nur Statistiken glauben sollte, die man selbst gefälscht hat, ist die Zahl doch beeindruckend. Denn so angenehm ein warmes Plätzchen mit einem Dach über dem Kopf sein mag, und so dankbar wir sein müssen, es zur Verfügung zu haben – die menschliche Natur ist es noch immer, draußen zu sein.

Ein jeder nach seiner Facon
Nun soll jeder das „Freie“ nach seiner Facon genießen. Beim gemütlichen Rumliegen auf einer Wiese, beim Spazierengehen am See, beim Wandern, Joggen oder anderen sportlichen Aktivitäten. Ich denke, der Schlüssel ist einfach das „im Freien sein“, verbunden mit der Bewegung an sich. Bergsteiger überschlagen sich bei Gipfelsiegen mit Rekordzeiten, Speedhiker kommen „sicherer, schneller und ermüdungsfreier durchs alpine Gelände“, wie ich kürzlich in einer Tageszeitung gelesen habe, und das mit ultimativem Freiheitsgefühl: „Speedhiking ist die sportliche Form des Wanderns. Vom gemütlichen Gang bis zum Laufschritt ist alles erlaubt!“ Es ist ein gutes Gefühl, wenn das wieder ein wenig mehr Freiheit für einige Sportler bedeuten mag. Auf der nächsten Seite ging es weiter: „Erleben sie ein wahres Naturerlebnis in unberührter Berglandschaft“ – als Ankündigung für den 9. Montafon-Arlberg-Marathon. Wobei das Stressen der "Racer" auch sein Gutes hat: Sie tauchen unvermittelt auf, keuchen vorbei, und „furt sind sie“. Es kehrt wieder Ruhe ein. Die unberührte Berglandschaft ist nicht mehr so leicht zu finden, aber prinzipiell hat jeder ein Recht auf sie.
 
Der legendäre Adolph Freiherr von Knigge, der neben ein paar Benimmregeln vor allem durchdachte und interessante Einsichten über die Menschen gefunden hat (Buchtipp: „Über den Umgang mit Menschen“), wusste schon im 18. Jahrhundert, worauf es ankommt: „Das Zufussgehen ist gewiss die angenehmste Art zu reisen. Man genießt die Schönheiten der Natur, kann sich unerkannt unter allerlei Leute mischen und beobachten, was man ansonsten nicht erfahren würde. Man ist ungebunden, kann das freundlichste Wetter und den schönsten Weg wählen, sich aufhalten, einkehren, wann und wo man will. Man stärkt den Körper, wird weniger erhitzt und gerüttelt, hat Appetit, Schlaf und ist, wenn Müdigkeit und Hunger der Bewirtung das Wort reden, leicht mit jeder Kost und jedem Lager zufrieden.“
 
Dazu kann man nur sagen – bravo, alter Junge, lass uns weitergehen. Wir sehen uns „im Freien“, irgendwo, irgendwann, am Berg, auf der Wiese, am See ...

 

Zum Abschluss ein paar Worte des russischen
Religionsphilosophen Pawel Florenski
:

„Betrachtet so oft ihr könnt die Sterne.
Wenn euch schwer ums Herz ist,
betrachtet die Sterne
oder bei Tage den blauen Himmel.
Wenn ein Sturm in eurer Seele tobt,
tretet hinaus ins Freie
und bleibt allein unter dem Himmel.
Dann wird eure Seele zur Ruhe kommen.“